Vor einiger Zeit habe ich schon einen Artikel über das Thema Netzneutralität geschrieben, heute geht um die nächste wichtige und oft falsch verstandene Sache: Flatrates

Ich hab mir das schreiben von diesem Artikel nicht leicht gemacht, und versucht möglichst viele Informationsquellen in diesen Text einfließen zu lassen, das waren unter anderem folgende:

  • Arbeitskollegen
  • Freunde, Bekannte
  • Leute aus meiner Netzgemeinde ("Peergroup")
  • Wikipedia
  • Telefonhotline von Vodafone und Telekom
  • AGBs der diversen Anbieter (Überflogen, ich bin verrückt aber nicht Wahnsinnig)
Am Schluss Stand ich vor einem ernüchternden Berg an Informationen die so ziemlich 75% der Menschen die im Internet Wohnen ein Dorn im Auge sein dürfte. Es zeigt den Unterschied zwischen normalen Anwendern, Powerusern und Telekommunikationsprovidern.

Menschen mit Interpretationshintergrund

Zuerst möchte ich definieren wie ich die verschiedenen Anwender und Provider Unterschiede, das sind dann bei mir alles Menschen mit Interpretationshintergrund.

Normale Anwender

Der normale Anwender nutzt das Internet ca 1-4h am Tag, primär geht es hierbei um neue Fußballergebnisse oder ob einem die liebe Tochter endlich eine Mail aus dem Ausland geschickt hat. Der normale Anwender wohnt oft im Rudel (Familie) und hat maximal 6 Endgeräte die in der Lage wären Internetdienste zu verwenden.

Es werden viele Dienste genutzt, dazu gehören auch Youtube, Online Banking oder mal 1-2h Online Gaming vom Sohn. Musik Flatrates oder Video on Demand Dienste werden nicht genutzt oder sogar als überflüssig Empfunden, auch Filesharing ist ein Nischenprodukt bei diesem Anwender.

Der Traffic vom normalen Anwender liegt im Bereich von 10-20 GB pro Monat, maximal versteht sich. Ob ein DSL jetzt 6000 oder 16000 auf der Schachtel stehen hat ist nicht von Relevanz, so lange es möglichst günstig und zuverlässig ist. Die Zahlen vom Traffic habe ich von ~20 Routern gesammelt dessen Nutzer ich als "normale" Menschen einstufe.

Poweruser

Der Poweruser nutzt das Internet mehr als 4h am Tag, es geht vor allem um den Konsum von Medien (auch Social Networks gehören dazu!) und das großartige Gefühl Teil des Internets sein zu dürfen. Poweruser findet man nicht nur im Rudel, sondern oft auch einzeln, wobei das hier sehr bunt gemischt ist. Die Anzahl der Endgeräte welche in der Lage wären Internetdienste zu nutzen geht selbst beim Single gerne mal in Richtung 10 und mehr da wirklich alles vernetzt ist.

Es wird so ziemlich alles genutzt was das Internet an Diensten hergibt, auch für Filesharing oder Video on Demand ist man sich nicht zu Schade. Leute die den ganzen neumodischen Krams nicht nutzen werden das bestimmt bald tun, so hofft der Poweruser zumindest und argumentiert auch bei jeder Diskussion um die Drosselung von Internetzugängen auf seinem Smartphone mit 1GB Flatrate und 2 Jahres Vertrag.

Der Traffic vom Poweruser liegt deutlich über 20 GB pro Monat, um jedes MBit/s Bandbreite wird gekämpft und auch Dinge wie Paketlaufzeiten oder die Qualität der Plasterouterfirmware haben Bedeutung. Die Zahlen wurden mir von Leuten genannt die sich selbst als Poweruser einstufen (3 Personen) oder welche ich so einstufen würde (8 Personen).

Telekommunikationsprovider

Telekommunikationsprovider, oder von uns auch einfach gerne ISP genannt sind gewinnorientierte nicht verstaatlichte Unternehmen welche weiten Teilen der Bevölkerung den Zugang zum Internet ermöglichen.

Seit alles über den Universaldienst Internet abgewickelt wird ist es schwer zusätzliche Rendite zu erzielen um die Aktionäre zu befriedigen. Abhilfe sollen hier vor allem Mehrwertdienste bieten welche die meisten Kunden nur sehr widerwillig oder gar nicht annehmen. Auch andere Servicedienste vom ISP wie DNS Weiterleitungen oder die automatische Zwangstrennung bei DSL wird vom Kunden oft zu unrecht kritisiert.

Der Wunsch des ISPs ist es zukünftig den Traffic so zu verrechnen wie es früher auch bei Telefongesprächen der Fall war, mit dem Vorteil das auch der angerufene in Zukunft bezahlen darf oder seine Pakete rauschen aufgrund eines bedauerlichen Missverständnisses durch eine viel zu dünne Leitung mit schlechter Qualität.

Flatrate: Das Wort

Nachdem wir über die verschiedenen Menschen mit Interpretationshintergrund gesprochen haben, und der ein oder andere von euch sich wieder beruhigt hat (die Wahrheit tut weh, sorry) schauen wir uns als nächstes das Wort Flatrate etwas genauer an.

Der erste Treffer bei Google ist hierzu natürlich, wie könnte es anders sein, die deutsche Wikipedia. Der Artikel bringt es gleich im ersten Satz auf den Punkt:

Als Flatrate (vom Englischen flat rate für „Pauschaltarif“ oder „Pauschale“, auch flat fee für „Pauschalgebühr“ oder „Grundgebühr“) werden in der deutschen Sprache Pauschaltarife für Telekommunikations-Dienstleistungen wie Telefonie und Internetverbindung genannt.

Fällt euch dabei was auf? Es gibt nämlich nur einen Bezug zum Preis, nicht aber wie oft vom Anwender erwartet der Leistung. Natürlich geben wir uns als echte Nerds nicht geschlagen, aber anstatt die Wikipedia zu verändern um einen Edit War zu starten schauen wir einfach in den Duden:

[geringer] monatlicher Pauschalpreis für die Nutzung von Internet und/oder Telefon

Auch im Duden findet man nur einen Bezug zum Preis, und wie in der Wikipedia irgendwie auch einem Dienst aber nicht korrekt in welchem Umfang. Sind den alle unfähig oder haben wir als Kunden einfach andere Erwartungen?

Flatrate: Allgemeine Geschäftsbedingungen

Als nächstes habe ich mir die Mühe gemacht und kurz die AGBs der verschiedenen Provider durchgelesen, für so viel undurchsichtiges Deutsch sollte es übrigens einen Award geben. Es hat schon seine Gründe warum normale Menschen direkt Unterschreiben um nicht komplett Wahnsinnig zu werden.

Die AGBs verweisen sehr oft auf Leistungsbeschreibungen, diese sind noch dazu für jedes Produkt und jeden möglichen Anschlusstyp anders aber immer gleich aufgebaut. Dazu kommt das man als normaler Kunde oft mindestens 2 verschiedene Anschlüsse hat, und zwar einmal den DSL Anschluss (Leistungsbeschreibung DSL) und dann noch die vom eigentlichen Tarif (Leistungsbeschreibung Call & Surf).

Eine der beiden AGBs definiert sog. Breitbandkorridore, also was eigentlich ein Anschluss vom Typ T-DSL6000 wirklich liefern muss: 2048-6000 KBit/s. Dazu noch einige andere Informationen wie die Definition was der Netzabschluss (Splitter, Router) ist.

Die jeweils andere Leistungsbeschreibung definiert dann schon die schöneren Dinge wie was den eigentlich das Produkt ist (§1 Die genannten Produkte umfassen ferner Internet- und Telefonieleistungen einschließlich eines Internet-Zugangs mit Flatrate zur Datenübertragung zum Internet.), oder ob es eine Zwangstrennung und dynamische IP Adresse gibt. Das Wort Flatrate wird verwendet, aber nirgends definiert.

Flatrate: Hotlines

Da ich ein Mensch bin der es gerne genau wissen möchte habe ich sogar die sog. Service Hotlines der großen Provider angerufen und mich einfach mal auf dumm gestellt. Ich hätte stattdessen auch direkt 10 Juristen oder noch besser direkt /dev/urandom befragen können, eine klare Aussage konnte mir keiner der Agenten am Telefon mitteilen. Vermutlich war meine Anfrage dann doch etwas speziell.

Flatrate: Arbeitskollegen, Bekannte, Peergroup

Die letzte Informationsgruppe waren dann die Menschen mit denen ich mich normal abgebe, also euch und diese Leuten mit echtem Leben. Auch hier fragte ich per Stichprobe nach was den eine Flatrate sei oder was man darunter erwartet. Die Fluktuation war hier sehr groß, ein paar Beispiele:

  • Flatrate ist wenn ich einmal Zahle und so viel nutzen kann wie es geht.
  • Flatrate ist wenn mir der Anbieter freistellt meinen Anschluss ständig voll auszulasten ohne das ich mehr Zahlen muss.
  • Flatrate ist eine Kostendeckelung.
  • Flatrate ist wenn nicht wie früher nach Minutentakt abgerechnet wird.
Wir haben also zumindest zum Teil eine Erwartungshaltung, sind uns aber trotzdem nicht einig was den eigentlich eine Flatrate ist.

Flatrate: Historisch Gewachsen

Nach dem Schock das Wikipedia, Duden, AGBs, Freunde, Bekannte und Interneteinwohner nichts genaues über eine Flatrate sagen, hier mal ein paar historische Informationen.

Für viele von uns war der erste Internetzugang ein gutes altes Analogmodem, man konnte noch 1 Minute warten bis man im Internet war und durfte dafür viel Geld in den Rachen der ISPs werfen. Etwas später konnte man dann mit ISDN in wenigen Sekunden ins Internet, durfte dafür 64 KBit/s als Breitband bezeichnen und hatte sogar die Option für doppeltes Geld doppelt so schnell (Arm) zu sein. Das Internet war zu dieser Zeit noch grausam, zumindest aus heutiger Sicht war es richtig primitiv aber wenigstens wurden Menschen die Bilder per Mail verschickten noch bestraft.

Aber auch hier gab es schon Flatrates, für relativ hohe Beträge konnte man im Monat so viel surfen wie man wollte. Der Faktor Zeit beim Zugang ins Internet war nicht mehr vorhanden und einige Menschen waren ein Stück glücklicher und konnten das gesparte Geld direkt in mehr Arbeitsspeicher investieren. Das mit den Flatrates hat sich dann auch recht schnell auf die neuen schnellen und tollen DSL Anschlüsse erweitert, jeder kannte auf einmal die Flatrate.

Auffällig ist auch hier wieder der Bezug zum Preis und zur Zeit, aber nicht zu einer garantierten Leistung die man durchgehend voll ausschöpfen kann

Fazit

Eine Flatrate ist nichts wert, es gibt kein Gesetz das definiert wie eine Flatrate auszusehen zu hat, und so scheitern wir Nerds schon an diesem Grundlegenden Thema.

Gleichzeitig gehen wir mit einer Definition die wir uns gerade selbst ausgedacht haben an die großen ISPs und verlangen Dinge die wir bisher noch nicht definiert hatten, zumal diese uns bei anderen Produktgruppen (Mobilfunkverträge) doch auch nicht gestört haben. Wir müssen endlich Anfangen uns dafür einzusetzen das Dinge die wir für Grundlegend halten (Netzneutralität, Flatrates, Internet) auch entsprechend in einem Gesetz definiert werden. Den nur so haben wir das Recht auf unserer Seite und können klar zwischen einem Internetzugang mit 16 MBit/s DSL Flatrate und einem Anbieternetz mit vielen Nachteilen und unfassbaren AGBs unterscheiden.

Als Netzgemeinde haben wir bisher versagt, wir Brüllen rum und halten uns für Stark weil wir ja einfach den Anbieter wechseln könnten. Doch das Problem an der Wurzel zu packen, das wäre die eigentliche Lösung. Gewinnorientierte Unternehmen sind nämlich auch 2013 noch daran gebunden Gesetze umzusetzen, eine wesentlich bessere Waffe als der verzweifelte Schrei nach mehr von etwas das nirgends definiert und oft fehl verstanden ist.

Um es nochmal kurz in Stichpunkte zu packen:

  • Internet muss im Gesetz verankert sein, inkl. was Übergabepunkt/Schnittstellen sind.
  • Netzneutralität muss im Gesetz verankert sein
  • Flatrate muss im Gesetz verankert sein
Wenn das alles der Fall ist haben wir ein Internet welches klar definierte Regeln für die ISPs erfordert und Vertragsbedingungen die auch uns als Kunden dienen. Auf diese zu schaffenden Gesetze müssen wir Einfluss nehmen um unsere aktuellen Wünsche und Erwartungen einzubringen.