Hallo Internet, wir müssen reden. Und zwar müssen wir heute über den Begriff Netzneutralität dessen Auswirkungen und die vielen Mythen darüber reden. Ich kann mir nicht länger mit anhören wie Leute Dinge in Netzneutralität interpretieren die nichts (nicht mal im Ansatz!) damit zu tun haben.

Was ist Netzneutralität?

Zum Einstieg beschäftigen wir uns mit der Frage was diese Netzneutralität von der immer alle Reden tatsächlich ist. Dazu beschäftigen wir uns mal mit einem bestimmten Protokoll des Internets, dem Internet Protocol kurz und einfach auch gerne IP genannt. Wenn wir einen Blick auf ein solches IP Paket werfen finden wir viele Informationen, von denen folgende wohl die wichtigsten sein dürften (vereinfachte Darstellung):

  • Absender
  • Empfänger
  • Port, Dienst, …
Diese Informationen bekommt jeder sog. Router entlang der Strecke die für eine Verbindung erforderlich sind. Benötigt werden diese Informationen um das Routing, also das weiterleiten von Paketen sinnvoll durchführen zu können. Die Aufgabe des ISP ist es zusammen mit einigen anderen dafür zu sorgen das ein Paket mit diesen Informationen diskriminierungsfrei sein Ziel erreichen kann. Diskriminierungsfrei bedeutet konkret das lediglich Absender und Empfänger Relevanz für die Routingentscheidung haben, eine weitere Priorisierung oder Filterung findet nicht statt.

Wird das genau so gemacht, also Pakete stumpf von A nach B und zurück geschickt ohne hierbei einzelne Pakete zu bevorzugen oder zu benachteiligen, haben wir ein neutrales Netz, ein Netz dem die Pakete egal sind. Das ist diese Netzneutralität von der immer alle Reden, und nichts anderes.

Wozu Netzneutralität?

Jetzt wissen wir also was Netzneutralität ist, klären wir nun die Frage warum dies so wichtig für das Internet und somit auch für uns ist. Bevor ich ein paar praktische Beispiele bringe möchte ich noch folgendes klären: Jeder Eingriff, in die Netzneutralität ist eine Beeinflussung und damit zu unterbinden!

Der Grund ist folgender: Bekommen wir Informationen kostenneutral werden viele von uns diese bevorzugt nutzen (Stichwort: Kostenlosmentalität), müssen wir für Informationen extra Bezahlen werden wir das nur tun wenn diese Information für uns einen bestimmte Mehrwert hat. Durch den Eingriff in die Netzneutralität entscheiden also nicht mehr wir als Anwender darüber was wir sehen, sondern der Anbieter "hilft" uns bei dieser Entscheidung. Das ist leider nicht für jeden sofort ein Problem, daher unterschätzen auch viele die Wichtigkeit der Netzneutralität.

Beispiel: VoIP

Fangen wir aber mit einem einfachen Beispiel an: Wir möchten Skype oder eine andere Voice over IP Technik verwenden. Bis jetzt ist dies bei vielen Providern (noch) kein Problem, es funktioniert einfach und wir sind mehr oder weniger glücklich damit. Funktioniert die genutzte Technik nicht können wir diese einfach, ohne den Anbieter Fragen zu müssen, durch eine andere (bessere) Technik ersetzen.

Nachteil für den Provider ist das dieser an kostenlosen Gesprächen nichts verdient, er möchte aber nicht nur pauschal sondern auch noch für die Leistung (Gesprächsminuten) entlohnt werden. Als Maßnahme wird er also dafür sorgen das VoIP nicht oder nicht mehr zufriedenstellend über den Anschluss funktioniert. Ausgenommen von dieser Einschränkung ist (rein zufällig) der VoIP Dienst welcher vom Provider angeboten wird.

Beispiel: Instant Messaging

Da heute zunehmend weniger telefoniert wird, und man sich lieber unbemerkt kurze Texte schreibt, nutzt man heute gerne Instant Messaging Tools. Darunter fallen Programme wie das verbreitete (aber grausame) WhatsApp, Google Talk, Jabber oder iMessage. Es handelt sich dabei um den Nachfolger der früher kostenlosen SMS (welche heute für Mondpreise genutzt werden kann), der Nachfolger Joyn steht schon in den Startlöchern und möchte eure Geräte erobern (oder auch nicht).

Auch das ist den Anbietern ein Dorn im Auge, den an SMS konnte man richtig Geld verdienen welches man anschließend für sinnlose Werbung verbrennen konnte. An WhatsApp & Co verdient der Provider erstmal nichts, der Traffic der dadurch entsteht ist minimal und daher kaum der Rede wert.

Auch hier hat sich der Provider schon vor vielen Jahren etwas einfallen lassen: Traffic der durch die Verwendung von Instant Messaging entsteht ist nicht mit dem Inklusivvolumen oder der sog. "Flatrate" abgedeckt und wird gesondert verrechnet. Die Alternative hierzu ist das dem Kunden die Dienste bei nicht vorhandener Tarifoption komplett gesperrt werden.

Die Teuren Tarife an denen die Anbieter noch was verdienen ermöglichen es also oft kostenlos Instant Messaging zu nutzen, die Tarife für Personen welche nicht so viel Geld auf dem Konto haben sehen eine kostenlose Nutzung von Instant Messaging oft nicht vor.

Beispiel: Facebook/Wikipedia

Ein weiteres Beispiel sind Leistungen die beim Mobilfunkvertrag inklusive sind, dazu gehören gerne Wikipedia oder auch Facebook. In Deutschland ist das noch nicht der Standard, in anderen Ländern gibt es hierzu schon Planungen. Ziel ist es das die Kunden über einen sehr günstigen Tarif bestimmte Dienste kostenlos nutzen können, für die tatsächlich entstandenen Kosten zahlt der Dienst (Facebook) selbst oder man nutzt es als Marketinginstrument ("Wikipedia kostenlos im Tarif X").

Aus Sicht den Anbieters handelt es sich hierbei um eine Gewinnmaximierungsmaßnahme, den nicht nur der Kunde soll Geld bezahlen sondern eben auch der Dienst der möchte das seinen Paketen auf dem Weg zum Ziel nichts passiert. Es gibt hier unterschiedliche Abstufungen, zwischen gesonderten Tarifmodellen und dem versehentlich zu langsamem Routing in den eigenen Kundenbereich.

Bei den kostenlosen Angeboten freut sich der Kunde, allerdings nur auf den ersten Blick: Man stelle sich vor die Axel Springer Presse wäre kostenlos, und man müsste für richtige Zeitungen und Blogs Geld bezahlen. Oder ein anderes Modell: Internet mit Flatrate, aber nicht für Dienst X, Y und Z? Die Anbieter haben mit Sicherheit schon Pläne in der Pipeline, wir als Kunden und Nutzer des Internets werden davon langfristig nicht profitieren.

Beispiel: Peer to Peer

In Zeiten zunehmend wachsender Datenmengen gibt es viele Experimente die Datenmengen effektiver auszuliefern, genutzt wird dies zum einen für legale Zwecke (Updates für Spiele) oder grenzwertige Sachen (Downloads von Musik und Film ohne vorhandenes Einverständnis des Rechteverwerters).

Einige Kabelnetzbetreiber mögen derartige Technik nicht besonders, daher gibt es oft eine Drosselung oder gar einen Filter für derartige Pakete.

Mythen

Wir wissen jetzt was Netzneutralität ist, und wie ein Verstoß dagegen aussehen kann (oder es schon tut). Aber es gibt noch ein paar Sachen die nichts mit Netzneutralität zu tun haben, aber gerne mit in den großen Topf geworfen werden.

Stufenflatrates

Stufenflatrates kennen einige von uns aus den sog. Business Anschlüssen, man darf ein monatliches Kontingent an Traffic für den Betrag X verwenden. Kommt man über dieses Traffic kann man sich entweder weiteren Traffic buchen oder bekommt gegen eine gewisse Gebühr eine richtige Flatrate.

So lange bei diesem Modell alle Pakete gleich behandelt werden ist es kein Verstoß gegen die Netzneutralität, der einzige Unterschied besteht darin das Pakete nach Menge X höhere Kosten verursachen.

Bandbreitenbegrenzungen

Dies ist eine Maßnahme welche wir vor allem aus den Mobilfunkverträgen kennen, bis zu einer gewissen Grenze (1-5 GiB) haben wir die volle im Netz verfügbare Bandbreite zu Verfügung, beim überschreiten dieser Grenze wird die Geschwindigkeit drastisch reduziert, und manchmal gegen eine Gebühr wieder auf die Ursprüngliche Bandbreite erhöht.

Auch dies ist, so lange alle Pakete gleich behandelt werden kein Eingriff in die Netzneutralität. Wenn jedoch Pakete, nach dem erreichen dieser Grenze, abweichende Bandbreite bekommen haben wir einen Verstoß. Ein Beispiel für einen derartigen Verstoß liefert aktuell die Deutsche Telekom, Vodafone und wohl auch die anderen beiden: Traffic welchen Joyn generiert zählt nicht zum Traffic den man bei voller Bandbreite nutzen kann, und zusätzlich hat man für diesen Dienst auch nach dem erreichen des Limits noch volle Bandbreite.

Lösungen und Auswege

In einem Markt der sich nicht selbst reguliert muss der Gesetzgeber eingreifen, anders ist es nicht möglich diese wichtige Netzneutralität durchzusetzen. Wir müssen Ländern wie z.B. Niederlande oder auch Norwegen folgen.

In diesen Ländern wurde Netzneutralität entweder per Gesetz festgeschrieben und definiert (Niederlande) oder die Anbieter haben sich bevor es so weit kommt selbst darauf geeinigt (Norwegen), ob hierzu eine freiwillige Selbstverpflichtung ausreichend ist darf mit Recht bezweifelt werden (Stichwort: Einheitliche Ladegeräte für Smartphones).

Fazit

Ich konnte in diesem Artikel nur auf einige Aspekte des Themas Netzneutralität eingehen. Ich glaube aber auch das dieser Artikel hilft etwas zu sensibilisieren, denn unser Internet ist keine Selbstverständlichkeit, es ist ein globales Netz für das wir alle etwas tun müssen. Der Kampf gegen Internetzensur, ACTA, IPRED und für Netzneutralität ist ein Kampf welchen wir noch viele Jahre führen müssen!